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Vom Wohnzimmer in den Zauberwald

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Eine Oper, die in einem kleinen Familienkreis begann, eroberte in Kürze die großen Bühnen der Welt. Mehr als 130 Jahre später entfaltet sie ihren Zauber in einem kleinen Dorf. Die Geschichte von Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel und die Aufführung in Paulinzella haben mehr gemeinsam, als man zunächst vermuten würde.

Alles begann 1890 mit einer Bitte: Adelheid Wette wollte mit ihren Kinder ein kleines Märchenspiel aufführen und bat ihren Bruder Engelbert Humperdinck, einige Volkslieder dafür zu vertonen. Doch aus dem bescheidenen Familienprojekt entwickelte sich eine vollkarätige Oper. Am 23. Dezember 1893 wurde Hänsel und Gretel in Weimar uraufgeführt – unter der musikalischen Leitung von Richard Strauss. Aus einer privaten Idee wurde ein Klassiker.

Am 12. Oktober 2025 wurde auch Paulinzella zum Schauplatz eines besonderen Kulturereignisses. In dem beschaulichen Ort nahe der berühmten Klosterruine brachte die Kulturbrauerei Paulinzella gemeinsam mit der Düsseldorf Lyric Opera Humperdincks Oper auf die Bühne. Die Voraussetzungen waren alles andere als glamourös: Der Saal befand sich im Umbau, der Platz war knapp. Doch Regisseurin Julia Coulmas machte aus der räumlichen Enge eine Stärke. Die Nähe zwischen Publikum und Darstellern schuf eine Atmosphäre, die ein unmittelbares Erlebnis erlaubte.Professionelle Sängerinnen und Sänger trafen auf einen Kinderchor aus der Region.

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Was viele als nette Kinderaufführung erwartet hatten, entpuppte sich laut dem Kulturmagazin O-Ton als Opernabend mit höchstem künstlerischen Anspruch.Deswegen sollte dieser Opernabend keine einmalige Begegnung bleiben, was sich ein Jahr später zeigte.Am 10. und 11. Oktober kehrten Hänsel und Gretel, gesungen von bekannten internationalen Solisten, nach Paulinzella zurück.Mit dabei waren Lena Haleem als Hänsel und Ekatarina Somicheva als Gretel, Claire Lumsden spielte die Mutter und Jason Tran den Vater.Ruth Brooks übernahm die Rollen des Sand- und Taumännchens. Tiina Enckelmann war als Hexe zu sehen.Naja Neubauer, Larissa Thomä, Emma Bocklitz, Silvia Hakuba sowie Frieda und Hilda Heinlein wirkten als Tiere, Engel und Lebkuchenkinder mit. Die Leitung des Kinderchores hatte Christine Fichtner.Und last but not least: Ville Enckelmann begleitete die Aufführung als Pianist und übernahm zugleich die musikalische Leitung als Dirigent.Die Wiederholung knüpfte an den Erfolg des Vorjahres an und unterstrich den Anspruch der Kulturbrauerei, Hochkultur auch abseits der großen Städte erlebbar zu machen.Damit schließt sich ein besonderer Kreis: Was 1890 als kleines Familienprojekt begann, fand 2025 und 2026 in einem kleinen Thüringer Dorf eine Bühne. Die erneute Aufführung macht deutlich: Kultur auf dem Land ist kein Luxus, sondern Lebenselixier. Sie schafft Begegnungen, verbindet Menschen und bringt künstlerische Erlebnisse dorthin, wo große Bühnen äußerst selten sind.Doch nach dem märchenhaften Abend wartet die Wirklichkeit. Die Kulturbrauerei steht vor baurechtlichen Herausforderungen, die eine dauerhafte Nutzung des historischen Saales erschweren könnten. Fehlende Betriebserlaubnis, umfangreiche Genehmigungsanforderungen und erforderlichen Umbaumaßnahmen, vom nötigen Geld ganz zu schweigen, stehen dem Wunsch gegenüber, das Gebäude wieder mit Leben und Kultur zu füllen.Das erinnert beinahe an die Geschichte der Geschwister im Märchen. In Hänsel und Gretel führt der Weg aus der Not nicht durch Zauberei allein, sondern durch Mut, Zusammenhalt und entschlossenes Handeln. Auch ein Kulturprojekt kann langfristig nur bestehen, wenn künstlerischer Enthusiasmus und praktische Voraussetzungen zusammenfinden.Vielleicht ist das die schönste Botschaft dieser Oper: Kultur entsteht nicht erst in prächtigen Opernhäusern mit umfangreichen Budgets und etablierten Strukturen. Sie entsteht dort, wo Menschen etwas wagen, gemeinsam anpacken und ihre Begeisterung teilen. Große Kunst braucht nicht unbedingt die große Bühne. Manchmal genügt dafür ein kleines Dorf – und ein Saal, der sich (wenn nur mit einer Sondergenehmigung) für einen Abend in einen Zauberwald verwandelt. ‎

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